Wie wirken die Ausgleichszölle der EU auf chinesische Elektrofahrzeuge als handelspolitisches Instrument und welche wirtschaftlichen, strategischen und marktbezogenen Auswirkungen haben sie?

B. Sc. Cyprian Grochowski & B. Sc. Henry Jiawei Zhu • Leibniz Universität Hannover • 22.12.2025

Abstract

Diese Seminararbeit untersucht die Auswirkungen der seit Oktober 2024 geltenden Ausgleichszölle der Europäischen Union auf chinesische Elektrofahrzeuge. Im Zentrum der Untersuchung stehen die wirtschaftlichen, strategischen und marktbezogenen Konsequenzen dieses handelspolitischen Instruments im Spannungsfeld zwischen industriepolitischer Selbstverteidigung und den Klimazielen des europäischen Grünen Deals.

Die methodische Grundlage bildet ein qualitativer Forschungsansatz mit einem leitfadengestützten Experteninterview mit einem Projektmanager des chinesischen Automobilherstellers Nio. Die Analyse verknüpft theoretische Grundlagen zur chinesischen Marktstruktur mit empirischen Erkenntnissen aus der Unternehmenspraxis.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Zölle als regulatorische Markteintrittsbarriere fungieren, jedoch die bestehenden Kostenvorteile der chinesischen Produktion nur unzureichend kompensieren. Die Untersuchung zeigt, dass Ausgleichszölle als alleiniges Instrument die tieferliegenden strukturellen Defizite des Standorts Europa nicht beheben können.

Zeitraum

Oktober 2024 - Dezember 2025

Forschungsmethode

Leitfadengestütztes Experteninterview

Institution

Leibniz Universität Hannover

Forschungsmethodik

Forschungsdesign

Diese Arbeit verfolgt einen qualitativen Forschungsansatz. Im Zentrum steht ein leitfadengestütztes Experteninterview (SSI) mit einem Projektmanager des chinesischen Elektrofahrzeug-Herstellers Nio. Dieser Ansatz ermöglicht tiefe Einblicke in die praktischen Auswirkungen der EU-Ausgleichszölle aus Sicht eines betroffenen Unternehmens.

Datenerhebung

Der Interviewleitfaden wurde entwickelt, um zentrale Aspekte zu Markteintritt, Preisanpassungsstrategien und strategische Reaktionen zu erfassen. Die theoretische Grundlage wurde durch Literaturrecherche mittels Consensus und Google Scholar gestärkt.

Datenanalyse

Die empirischen Daten aus dem Interview wurden mit theoretischen Grundlagen zur chinesischen Marktstruktur, WTO-Regulierungen und handelspolitischen Rahmen verbunden. Die Analyse verknüpft die Unternehmensaussagen mit wirtschaftlichen, strategischen und marktbezogenen Auswirkungen der Zölle.

Wichtigste Erkenntnisse

1

Zölle als Markteintrittsbarriere

Die Ausgleichszölle fungieren als regulatorische Markteintrittsbarriere, wobei BYD (17%), Geely (18,8%), SAIC (35,3%) und Tesla (7,8%) zusätzlich zu den regulären 10% Importzöllen belastet sind.

2

Unzureichende Kompensation von Kostenvorteilen

Die Zölle kompensieren die bestehenden Kostenvorteile der chinesischen Produktion nur unzureichend. Im Premiumsegment ist die Wirkung aufgrund geringerer Preissensibilität begrenzt.

3

Strukturelle Defizite nicht behoben

Ausgleichszölle können als alleiniges Instrument die tieferliegenden strukturellen Defizite des Standorts Europa nicht beheben. Hohe Energiekosten und bürokratische Hürden machen lokale europäische Produktion weniger rentabel als verzollter Import.

4

Klimaziele gefährdet

Die Zölle bergen das Risiko, die technologische Transformation zu verzögern, indem sie die Anschaffungskosten für emissionsarme Fahrzeuge künstlich erhöhen und den notwendigen Innovationsdruck abschwächen.

Ergebnisse

Hauptergebnisse aus dem Experteninterview

Das Experteninterview mit Nio zeigt, dass die Zölle zwar eine Markteintrittsbarriere darstellen, aber nicht ausreichend sind, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller langfristig zu sichern. Der chinesische Automobilhersteller betrachtet lokale Produktionsverlagerungen in Europa als Option, allerdings hemmen hohe Energiekosten und regulative Komplexität diese Strategie.

Besonders im Premiumsegment (wie bei Nio) sind Kunden weniger preissensitiv, weshalb die Zölle dort eine geringere Bremsenwirkung haben. Volumenhersteller hingegen erleben deutlich höheren Anpassungsdruck und müssen ihre Preisstrategien stärker anpassen.

Marktbezogene Auswirkungen

  • • Der Marktanteil chinesischer Marken bei reinen Elektroautos stagniert bei 8-11% in Europa
  • • Chinesische EV-Exporte werden kostenmäßig weniger kompetitiv, besonders für Volumensegmente
  • • Europäische Hersteller erhalten kurzfristig Schutz, müssen aber weiterhin in Innovation investieren
  • • Die Anschaffungskosten für E-Fahrzeuge bleiben durch die Zölle künstlich erhöht

Implikationen und Limitationen

Implikationen: Die Zölle widersprechen teilweise den Klimazielen der EU, da sie den Übergang zu erschwinglichen Elektrofahrzeugen bremsen. Sie offenbaren strukturelle Schwächen Europas in Batterieproduktion und Energieeffizienz.

Limitationen dieser Studie: Die Analyse basiert auf einem Experteninterview mit einem Unternehmen. Die Dynamik der Handelspolitik ist hochaktuell - ein WTO-Streitfall (DS630) läuft noch, und Mindestpreisverhandlungen sind nicht abgeschlossen. Langzeiteffekte sind noch nicht vollständig sichtbar.

Literaturverzeichnis

EU-Kommission (2024). Antisubventions-Untersuchung zu chinesischen Elektrofahrzeugen. (Offizielle Mitteilung)

Hawkins, T. R., Singh, B., Majeau-Bettez, G., & Strømman, A. H. (2012). Comparative Environmental Life Cycle Assessment of Conventional and Electric Vehicles. Journal of Industrial Ecology, 17(1), 53-64.

Li, W., Long, R., & Chen, H. (2022). China's Electric Vehicle Market Structure and Development. Energy Policy, 165.

Khaleel, H., et al. (2024). Marktanteile der zehn größten Elektroautohersteller. McKinsey Center for Future Mobility.

Zhang, Y., et al. (2025). Ausgleichszölle der EU auf Einfuhren von batterieelektrischen Fahrzeugen aus China. (Forschungsdokument)

Nio Inc. (2025). Unaudited Third Quarter 2025 Financial Results. (Geschäftsbericht)

WTO (Welthandelsorganisation) (2025). Streitfall DS630 - EU Ausgleichszölle auf chinesische Elektrofahrzeuge. (WTO-Dokument)

Statistisches Bundesamt (2025). Anteile von Elektroautos an Neuzulassungen in der EU. (Statistik)